Transkription

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28.I 32

Lieber Geselle Julia,

Danke für Brief und Köpfchen!
also ist die Frisur geändert?
Lieb und traurig ist das Gesicht,
und so fein!

Was Sie mir schreiben von
Pflichtbewusstsein und Kunst,
verstehe ich ja nur zu gut. Sicher
ist, dass Sie eben eine herrliche
Erfüllung zu buchen haben. Sollten
weitere solche Nöte an Sie heran-
treten, würden {auch} Sie wieder antreten.
Aber ich meine, dass Sie sie nicht
suchen sollen. Ich kenne eine
Bildhauerin, die Alles wegwarf,
um die Kranken zu pflegen –
Sie ist nun Oberin(1) – aber

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wieder und wieder will sie modellieren
und möchte zurück. Natürlich
kann da ein zweiter nicht hinein
reden.

Von hier kann ich nichts von
Belang berichten. Ich arbeite in
bescheidenstem Ausmaaß. Soll
nichts kosten! Oslo, Nationalgallerie,
kaufte meine grosse Bronze „Pietà(2)“.
Aber man frage nicht den Preis. Ich
muss es schon meinerseits Dienst
am Vaterland nennen. Schliesslich
haben wir es verdammt nötig, im
Ausland für uns zu werben, besonders
ethisch.

Die kl. G. wird nächstens mal ein
paar Stunden kommen – das erste
Modell seit August wieder.

Hoffen wir auf bessere, freiere
Tage, u. lassen wir uns bis dahin
nicht kleinkriegen.

Herzlichst Ihr alter Meister
Georg

Anmerkungen

  1. Ottilie Schäfer (1889 – 1971), Bildhauerin, später Oberin beim Deutschen Roten Kreuz in Lübeck, Teilnachlass im Georg-Kolbe-Museum

    http://d-nb.info/gnd/1035327775
  2. Werk Georg Kolbes, 1928/1930