Werkverzeichnis Georg Kolbe

(Stand: 16.06.2026)

Die auf kleineren Vorstufen (W 22.006 | W 22.007) basierende lebensgroße „Brunnentänzerin“ ließ Georg Kolbe als Einzelfigur in zwei Exemplaren gießen. Den wahrscheinlich ersten Guss integrierte er in einen mehrteiligen Brunnen, im Auftrag von Hermann Stahl, dem Leiter der Auslandsabteilung der "Victoria-Versicherung" und von 1933-1940 Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde von Berlin.
Bei diesem „Tänzerinnen-Brunnen“ nahm er zwei Motive auf, die er in zeichnerischen und plastischen Entwürfen schon mehrfach kombiniert hatte: sitzende Jünglingsgestalten als Stützfiguren in einem Brunnenbecken und dazu als Bekrönung eine stehende, tanzende oder liegende Frauenfigur (Z110, Z195, Z196, Z197, Z221, Z225, Z226 | W 09.012 | W 14.012 | W 14.013 | W 14.014). Die beiden figürlichen Motive hatte Kolbe bereits als eigenständige Plastiken realisiert. Hatte sein Hauptwerk, die „Tänzerin“ (W 11.030), einen hingebungsvoll schwebenden Charakter, steigerte Kolbe diesen nun zu ekstatischer Lebensfreude. Den „Hockenden Somali“ (W 12.010 | W 15.002) variierte er in den drei Trägerfiguren der Blütenschale. Ein mittelgroßes Modell mit drei sitzenden Jünglingen als Stützfiguren eines Architekturfragments, dessen Bestimmung bisher unbekannt ist, hatte er zuvor schon in Bronze gießen lassen (W 14.014).
Während die Bronze der Brunnentänzerin in der Bildgießerei Noack in Berlin gegossen wurde, ließ Kolbe den figurativen Sockel und das Brunnenbecken von dem Steinmetzen Alfred Dietrich, ebenfalls in Berlin, fertigen, mit dem er seit langem zusammenarbeitete und der u. a. in Istanbul das Relief zu Kolbes Gefallenen-Denkmal ausgeführt hatte (W 17.020).
Der „Tänzerinnen-Brunnen“ kam vor der von Paul Baumgarten entworfenen Villa von Heinrich Stahl in Berlin-Dahlem zur Aufstellung, deren historistische Fassade der gemäßigt expressionistischen Brunnengruppe allerdings vieles von seiner vollen Wirkung nahm. Heinrich Stahl musste 1941 unter Druck sein Grundstück in Dahlem mitsamt dem Brunnen veräußern. Käufer war der bulgarische Konsul Theodor Dimanow. 1942 wurden Heinrich und Jenny Stahl nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Heinrich Stahl wenige Monate nach ihrer Ankunft, während Jenny Stahl das Konzentrationslager überlebte. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs führte Dimanow bei seiner Übersiedlung nach Madrid die Bronzefigur der Tänzerin mit sich und stellte sie in seinem Garten auf, während Steinsockel und Brunnenschale erst in den 1960er Jahren bei der Umstrukturierung des Dahlemer Grundstücks an einen unbekannten Ort versetzt wurden. 1977 wurde die Bronzefigur durch Zufall in Spanien wiederentdeckt und vom Georg Kolbe Museum aus dem Besitz der Erben Dimanows erworben. Durch eine gezielte Suche konnte dann auch das Brunnenbecken samt Sockel in Berlin-Zehlendorf gefunden werden. 1979 wurden die Bestandteile wieder zusammengeführt und im Garten des Georg Kolbe Museums aufgestellt. Dort war er bis zum Frühjahr 2026 in Betrieb, dem Zeitpunkt, zu dem der Brunnen an die Erbengemeinschaft nach Heinrich Stahl restituiert wurde.