Transkription

15.01.03 [Datum von anderer Hand zugefügt]

Lieber Freund,

ich habe mich in den letzten Tagen sehr mit der trostlosen Tuch(1)schen
Angelegenheit beschäftigt, leider ohne etwas erreicht zu haben. Ich hoffte,
er würde noch einmal über den Erfolg der Fahrt des Vorstands Eu-
res Bundes schreiben. Nun weiß ich gar nicht, was eigentlich da be-
sprochen worden ist, und heute stehen die Kritiken über die
Ausstellung da, natürlich ohne Tuch zu erwähnen. Meine Vor-
stellungen beantwortete der Holst(2) mit einer abfälligen Be-
merkung über Tuch, und daß ich ihm sagte, er wäre dazu weder
berechtigt noch hätte er recht, machte nicht eben einen großen
Eindruck. Offenbar hatte er die Sachen schon irgendeinem Kriti-
ker gezeigt, dem sie nicht gefallen hatten. Er hätte sonst nicht
gewagt, zu sagen: „Wenn man nur nicht immer gleich wüßte,
wo er es her hat“, und dabei noch Manet zu erwähnen[?].
Nun wollte ich aber, um zunächst nichts zu verderben, nicht
grob werden, wozu auch der Laden nicht eben das geeignete

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Lokal ist. Es ist aber wohl trotzdem zu keiner Einigung ge-
kommen? Ich vermute, daß der Kritiker, der Holst beeinflußt
hat, ein Oberlausitzer Flegel namens Lier ist, der mit
unserem Blatt einen Kontrakt hat, wonach er die Aus-
stellungen in den beiden Handlungen hier {allein} rezensieren darf.
Denn nur so erklärt sich, daß Holst mir erklärte – Du
wärst nach Klinger jetzt der interessanteste Leipziger
Künstler – eine Phrase, die der Lier in seiner Rezension
dann auch brachte, die aber schlecht zu Holsts frechem Be-
nehmen im letzten Sommer paßt. Morgen will ich nun
noch einmal hingehen und mich wenigstens erkundigen, wie
es gegangen ist. Freilich wird mir das auch das quälende
Gefühl nicht nehmen, für den armen Tuch nichts gethan zu
haben. Und auch nichts thun zu können. Einen Portraitauf-
trag unterzubringen habe ich gar keine Gelegenheit, denn

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die reichen Leute, die ich kenne, sind Philister schlimmer
Sorte. Wozu auch Hettner(3)s Bruder gehört, dem das Bild
ebenso wie der ganzen weiteren Familie offenbar nicht
gefällt, obwohl sie es mir nicht recht sagen, weil ich Tuch
natürlich sehr die Stange halte. Was aber wird, da doch
Tuch eben nicht warten kann? Die Sache beunruhigt mich
ganz außerordentlich. Ich selbst kann ihm so gut wie
nichts geben. Du weißt, daß ich finanziell nicht unabhängig
bin, und die Unterstützungen, die ich von meiner Mutter
und meine Frau von ihren Eltern bekommen, sind nicht so
reichlich, daß ich mehr als kleine Beträge einmal erübri-
gen könnte, die ich aber, zumal sie nichts nützen, Tuch nicht
anbieten mag. Meinem Schwiegervater kann ich bei sei-
ner Dir bekannten Lage, solange er sein Haus nicht ver-

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kauft, auch keine Unterstützung zumuten. Das alles quält
mich aber, wenn ich daran denke, dass Tuch eben doch nichts
zu essen hat und es mir da ja dagegen unendlich viel besser
geht. Und nun sich vorzustellen, daß der arme Kerl nicht
einmal das Geld hat, um seine Bilder auszustellen!
Wenn er auch mit dem, was er aus Paris mitgebracht hat,
gewiß schwer bei dem Publikum Glück haben und Aufträge
erlangen kann, da doch heute nur zweierlei gilt: klingen-
der Name oder Kitsch. Den ersten bekommt aber man aber
nur durch Protektion von Kunstschriftstellern, und die wird
sich Tuch durch seine Pariser Bilder, wie ich glaube, wenigstens
direkt, auch nicht erobern.

Und damit komme ich zu dem Eindruck, den ich von den
Bildern hatte. Sie haben mich zunächst gefreut, überrascht
haben sie mich aber doch nicht. Gefreut, weil ich es sah,

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wie er in Paris gedacht, gesehen, gearbeitet und auch ver-
standen hat. Er hat eben nicht darauf gearbeitet, etwas
Ausstellungfähiges oder Verkäufliches herzustellen, sondern ein-
fach wie ein ehrlicher Künstler gearbeitet, um sich fachlich weiter-
zubringen. Er hat, und das ist schön, sozusagen „unverant-
wortlich“ gemalt. Du verstehst schon. Es kommt ja auch
das Beste nur auf diesem Wege heraus. Der Weg ist aber
unter Umständen lang und erfordert Zeit. Die Zeit, die
Tuch gehabt hat, ist aber, und das ist mein Urteil über
die Arbeiten, offenbar zu kurz gewesen. Nun sollte es
erst losgehen. Dabei behalte ich wohl im Auge, daß Tuch,
wie er mir erscheint, keine starke intuitiv schaffende
Natur ist, sondern nur ein reflektierender, etwa: wissend
arbeitender Mensch ist und bleiben wird. Solche Sachen
können sich aber ihre Daseinsberechtigung voll ver-

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dienen, wenn sich der Geschmack - den Tuch, auch mit der
etwas unangenehmen Nebenbedeutung des Wortes, unleugbar
hat - , wenn der sich bei so ernster Arbeit läutert, wie sie
aus den Pariser Sachen spricht. Was diese Bilder noch
nicht haben, das ist die innere Freiheit, die sich beim
Lernen nicht verlieren kann. Und insofern hat, was der
Händler nachredete, eine Berechtigung: Die Bilder sehen
französisch aus, sind es aber nicht, woraus dann eine
Unbefriedigung folgt. Tuch wird erst dann das Beste leisten,
was er vermag, wenn dies antifranzösische, meinetwegen
sächsische in seinen Bildern so stark die Oberhand gewinnt,
daß kein Holst der Welt mehr davon sagen kann: Manet.

Es geht mir beim Reden über Bilder immer so, daß
ich nur vergleichsweise das auszudrücken vermag, was
ich mitteilen will. Da Du das aber weißt, verstehst

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Du wohl auch diese Bemerkung über Tuch, der unmöglich
eine Colonne führen kann, aber doch ein tüchtiger Soldat
ist. Wer freilich gönnt ihm den Versuch, zu leisten, was
er zu leisten vermag? Es ist schauderhaft und in dem
reichen Leipzig schändlich.

Aber nun zu unseren Sachen. Wie kannst Du mir danken,
da ich doch nichts für Dich thun kann? Wir freuten uns über
Eure Briefe, meine Frau wird das noch selbst sagen. Sie
grüßt einstweilen herzlichst. Uns beiden ist Eure Freund-
schaft unendlich viel wert. Aus einem Wiedersehen in
Leipzig wird freilich in diesem Monat nichts, da ich ein-
fach kein Geld habe infolge einer Überraschung, die mir
der Arzt mit seiner Rechnung jetzt gemacht hat. Doch hoffe ich
auf den Februar. Wie steht es mit unserem
Seemanns(4)chen Unternehmen? Bitte behalte es im Auge,

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ich habe seit dem Korrekturbogen nichts gehört. Ich beanspruche
für mich ein paar Abzüge und verzichte, wie ich ja schon schrieb,
keineswegs auf Honorar, wenn es welches giebt. Ich schrieb
Dir schon wegen der Verwendung. Kürzlich sprach mich Seydlitz(5)
auf Deine Arbeiten an, er interessiert sich sehr für den Faust;
hat er ihn schon?

Ich wurde gestern unterbrochen und habe inzwischen Tuchs Karte er-
halten, nach der er die Bilder zurückhaben will. –

Ich habe jetzt zwei Bände von Multatuli(6) hier, in denen ich eifrig
lese. Mich ärgert, daß der Übersetzer wieder einmal Johannes für
einen neuen Gott spielt[?]. Doch fesselt mich das Buch sehr, und ich
habe mich mit ihm noch nicht auseinandergesetzt. Freilich paßt nicht alles
in mein Verständnis. Die Kraft der Ehrlichkeit läßt aber gar keine
Zweifel erst aufkommen.

Herzlichst Dein Hermann Schmitt.

D.[Dresden] 15.1.03.

Anmerkungen

  1. Tuch, Kurt (27.5.1877, Leipzig – 23.11.1963, Muri AG, Schweiz),  deutscher Maler und Graphiker

    http://d-nb.info/gnd/11743339X
  2. Holst, Hermann, Leiter des Kunstsalons Emil Richter in Dresden, Titel "Königlicher Hofkunsthändler" ab 1899, ab 1904 Sekretär des Sächsischen Kunstvereins

    http://d-nb.info/gnd/127601503 (nicht sicher)
  3. Hettner, (Hermann) Otto (27.1.1875, Dresden – 19.4.1931, ebd.), Maler und Bildhauer, hier: Hettners Bruder, ohne weiteren Angaben

    http://d-nb.info/gnd/116779276
  4. Arthur Seemann (30.11.1861, Reudnitz bei Leipzig – 23.12.1925, Meran) übernahm 1899 den Verlag seines Vaters Ernst Arthur Seemann. Herausgeber der Zeitschrift für bildende Kunst, in der 1904 ein wichtiger Beitrag von Hermann Schmitt über den jungen Kolbe erschien.

    http://d-nb.info/gnd/107458055
  5. Seydlitz, Woldemar Eduard von (1.6.1850, St. Petersburg - 16.1.1922, Dresden), Kunsthistoriker

    http://d-nb.info/gnd/117465224
  6. Multatuli, d.i. Eduard Douwes Dekker (2.3.1820, Amsterdam – 19.2.1887, Ingelheim am Rhein), niederländischer Schriftsteller

    http://d-nb.info/gnd/118679279