Transkription

Leipzig am 19./Aug. 1903.

Lieber Schmitt!

Es ist gut, dass ich gestern noch nicht dazu kam, Dir
zu schreiben, weil ich heute früh Deinen Brief nun
erhalten habe, welchen ich recht froh bin zu besitzen.
Am Dienstag kamen wir in Leipzig an,
und Montag war ich dann bei Seemann(1),
um nach meinem Bild in Dresden zu fragen.
Ich wollte das schon brieflich von Holland aus
thun, um Dir noch nach Schlabendorf Nachricht
geben zu können. Mein Wollen war aber
so unsicher, und so unterblieb es. Im Geiste
setzte ich schon manchen Brief für Dich zusammen,
ich schrieb ihn nur jedesmal nicht, weil ich zu wenig
Ruhe hatte. In Meerssen war ich etwa 14
Tage mit Weib und Kind zusammen, 3 Tage
verbrachte ich mit dem Bruder meiner Frau,
in Holland zu reisen. Ich sah auf diese
Weise alles Sehenswerte, denn mein Schwager
kennt sein Land und seine Schätze. In Meerssen
hatte ich nicht so viel Ruhe als ich brauchte, obwohl
unsere Eltern dort ein geräumiges, herrlich

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gelegenes Landhäuschen haben. Aber
wir waren zuviel beisammen und darunter
3 kleine Kinder, sodaß gerade für
mißbrauchte Nerven wie die meinen nicht
die genügende Erholung zu finden möglich
wurde. Trotzdem Na wären wir gern
noch länger von Leipzig weggeblieben.
Die Arbeit wird langsam beginnen.
Inzwischen wäre es bald geschehen, daß ich nach
Dresden übersiedeln mußte. Es wurde mir
an meiner dortigen Malmeisterschule, wo
früher Rich.[Richard] Müller(2), Lührig(3) und Zwintscher(4) unter-
richteten, eine Lehrstelle angeboten. Ich über-
legte lange und entschied mich für
„Nein“. Du mußt es mir nicht verübeln, daß
ich so wieder die Möglichkeit unseres Zusammen-
sein‘s in derselben Stadt vernichte, denn
in einer Malerschule zu unterrichten, paßt
verdammt schlecht zu mir. Aber auch der Kosten-
aufwand meines Umzuges veranlaßte mich,

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die Stelle auszuschlagen. Ich halte mich übrigens
auch für verpflichtet, wenigstens diesen Winter noch
ein Nachsehen mit Leipzig zu haben. Nächstes
Frühjahr werde ich aber dann wissen, ob ich hier bleiben
muß oder nicht. – Nun, lieber Freund, komme
ich aber, Dir für Deinen guten Brief herzlichst zu
danken. Es thut mir weh, daß unser langes
Schweigen Deine Gersfelder Erinnerungen trübte,
aber sei überzeugt, daß ich mich beständig unserer
dort gewonnenen festeren Freundschaft erfreute.
Ich wünsche lebhaft, daß wir uns weiter so ent-
gegenkommen und daß Deine Bedenken
zerstreut werden. Deine Worte in Gersfeld,
Dein Interesse an meinem Zustand und
vor allem Dein tiefes Verständnis für diesen
haben mir sehr wohl gethan, und daran
habe ich um so mehr Freude, weil Du wirklich
unter den mir bekannten Menschen der
einzigste bist, der fähig ist, klar und logisch
zu denken und in Deinen Nächsten hinein

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zu schauen. Du warst deshalb auch wie keiner
so berechtigt, meine Mängel beim rechten
Namen zu nennen. Wenn später noch
mehr Beständigkeit und volle Sicherheit in
unseren Beziehungen tritt, so wird unsere
Freundschaft eine wahrhaft schöne werden.
Ich glaube daran.

Wenn ich an Dich denke, so ärgere ich mich darüber,
daß ich die Stelle in Dresden ausgeschlagen habe.
Es ist aber nun nicht zu ändern; wir wollen uns
oft besuchen. Vor allem möge Euch das Geschick
ein gutes Jahr der Zukunft geben; das wünschen
wir beide von Herzen.

Mein Bild steht bei Jonas & Römler(5) (gleich bei
der Hofmann(6)’schen Kunstanstalt.) Es wäre so gut
von Dir, wenn Du es ansehen wolltest und mir bald
Deinen Eindruck schreiben wolltest. Daß ich niemand
habe, der besser wüßte, über mich etwas zu schreiben, hast
Du ja oft von mir gehört, also bitte nimm Dich meiner
an. Wann ich wegen des Brunnen(7)s nach Dresden
reise, weiß ich noch nicht. – Wie ist die Sache mit Deinem
Bruder verlaufen? Der Zustand meiner Familie ist befriedigend.

Wir grüßen Dich und Deine Frau auf‘s Beste.
Immer Dein Kolbe.

Anmerkungen

  1. Arthur Seemann (30.11.1861, Reudnitz bei Leipzig – 23.12.1925, Meran) übernahm 1899 den Verlag seines Vaters Ernst Arthur Seemann. Herausgeber der Zeitschrift für bildende Kunst, in der 1904 ein wichtiger Beitrag von Hermann Schmitt über den jungen Kolbe erschien.

    http://d-nb.info/gnd/107458055
  2. Müller, Richard (28.7.1874, Tschirnitz a. d. Eger, heute Černýš – 7.5.1954, Dresden), Maler und Grafiker,1900 – 1935 Professor an der Dresdner Kunstakademie, ab 1933 als Rektor

    http://d-nb.info/gnd/119189100
  3. Lührig, Georg (26.1.1868, Göttingen – 21.3.1957, Lichtenstein), Maler und Grafiker, 1910 bis 1916 Lehrer an der Kunstgewerbeschule, ab 1916 Lehrer an der Dresdner Kunstakademie

    http://d-nb.info/gnd/117296724
  4. Zwintscher, Oskar Bruno (2.5.1870, Leipzig – 12.2.196, Dresden), Maler, ab 1903 Professor an der Dresdner Kunstakademie

    http://d-nb.info/gnd/117603201
  5. Kunstdruckanstalt Römmler & Jonas, Dresden, gegr. 1871

     http://d-nb.info/gnd/5198404-0
  6. Kunstanstalt Wilhelm Hoffmann, Dresden

    http://d-nb.info/gnd/104727213X
  7. Werk Georg Kolbes, Badende (Brunnenfigur für Ferdinand Graf Harrach), 1902