Transkription

Leipzig am 9.6.1903

Lieber Freund!

Ich muß Dir nun doch endlich schreiben,
und ich will es nicht läugnen, daß
mir dies schwer fällt; sonst hätte ich
es auch schon längst gethan. Meine
Gefühle seit d unserer Dresdener
Zusammenkunft sind so gemischt
gewesen, dass ich es besser garnicht in
Worte faßte, auch heute will ich das
unterlassen in der Hoffnung, das [sic]
sich Alles bald {in mir} ändern wird, und dies
letztere kann nur durch ein baldiges
Wiedersehen erreicht werden.

Wir müssen einmal, wir beide,
recht ruhig einige Zeit zusammen sein,
dann bin ich überzeugt, daß wir uns leicht

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verstehen werden. Bei unserem letzten
Besuch hat mich Hettner(1)´s Gegenwart
gestört, obgleich ich mich sehr freute, ihn
dort zu treffen. Ich bin aber nun sehr
viel anders als er und Du übrigens
auch, und Du weißt auch, dass wir
ohne ihn erst zu Freunden wurden,
und zwar nur deshalb, weil uns ein
Dritter nie helfen kann; Wenn wir
uns nahe sind, langweilt sich ein
Dritter, und unterhält sich der Dritte, so
werden wir nicht recht froh. Mir mindestens
geht es so. Ich bin eben ein recht unzu-
reichender Patron, der immer das
Beste für sich will, das macht mich oft
so verstimmt, und ich ärgere mich noch
mehr.

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Aber, lieber Freund, ganz erschöpft ist das
damit noch nicht, ich besitze große Zuneigung
zu Dir und wäge Deine Worte und
Thaten hundertmal feiner ab als die
anderer Menschen. Du verstehst das
wohl. – Findest Du nicht, daß wir uns
bald wiedersehen sollten? Wenn Du
das gleiche Verlangen hast, so wollen
wir darauf hin arbeiten, daß wir im
Juli Deine vorgeschlagene wöchentliche
Reise vollbringen. Ich kann es möglich
machen, mit Dir zu gehen.

Wir sind es uns, glaube ich, gegenseitig
schuldig, ein längeres Zusammensein
herbeizuführen.

Übrigens, aber das ist Dir wohl zu viel,
würde ich auch mit Dir richtig gern in Holland
umherreisen. Meine Frau kann mich

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nicht, wie anfangs geplant, begleiten,
ich hätte ja noch Bedarf, Zeit dazu,
anfangs, Mitte oder Ende der Ferien,
mit Dir verschiedene Städte in Holland
zu besuchen. Ich weiß nun freilich garnicht,
wie es mit dem Befinden Deiner Frau
steht, wo und wann Du mit ihr
zusammen sein willst.

Wir, meine Frau und ich, gehen von
Mitte Juli bis Mitte August zu meinen
Schwiegereltern, des Kindes wegen
bleibt meine Frau aber dort allein,
während ich gern etwas sähe. Willst
Du aber mit mir eine kleine
thüringische Reise etc. machen, so
gehe ich 8 Tage später zu meinen
Verwandten nach. Lasse mich bitte
bald Deine Ansichten wissen und denke
daran, daß ich mich sehr, sehr auf ein
Zusammensein mit Dir freue.

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am 10./6.1903

II

Nun, lieber Freund, laß Dich und
Deine Frau herzlichst von uns
grüßen. Wir wünschen, daß bei Euch
Alles recht bald gut und nach Eurem
Willen gehen möge. Ist Deine Frau
wieder bei Dir?

Was ist mit Hettner geworden?
Grüße ihn bitte von mir und empfiehl
mich auch all den Deinen. –

So, nun noch das geschäftliche Teil,
an dem ich leider wenig Interesse habe,
doch wenn der Mann unter günstigen
Bedingungen ausstellen will, soll
es geschehen. Ich überlasse Dir alles;
das heißt, verhandle mit ihm nach Deinem

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Ermessen. Ich hielt es für gut, nicht
sehr entgegenkommend zu sein.
Eine Fracht hat er natürlich zu tragen,
die Prozente sind mir gleichgültig,
da doch nichts verkauft wird –

Der Monat Oktober ist mir der
angenehmste, und ich wünschte auch
sehr, daß die Sache den Charakter einer
Sonderausstellung trägt.

Beifolgend nun die Liste der Arbeiten,
welche ich voraussichtlich senden kann.

1 Temperabild
1 Ölbild
2–3 kleine Bilder

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1 weibliche Figur, lebensgroß in Gyps
das Portrait meiner Frau i hoffentlich
in Marmor –
1 Marmorkopf
1 Bronzekopf.

_______________

Ob sonst noch etwas hinzu kommt,
weiß ich nicht – der Zeus(2) aus der
jetzigen Dresdner-Ausstellung braucht
ja nicht wieder aufgehängt zu werden.
Ich fände es dagegen gut, wenn einige
Vollblätter aus dem Faust(3)
mit zur Ausstellung kämen.

Richter(4) hat schon seit einem Jahr ein
Exemplar in Comission.

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So, lieber Schmitt, das wäre wohl
Alles, was {es} zu erwähnen gäbe. –

Ich stehe moralisch jetzt nicht gerade hoch,
was auch nicht zu verwundern ist
bezüglich der Arbeit – die Sache will eben
garnicht in Schwung kommen,
obwohl es hier eine Reihe von
Leuten giebt, die den Mund
voll nehmen; Thaten bleiben jedoch
aus.

Lebe wohl, lieber Freund und
gieb mir bald eine Nachricht.

Immer Dein Kolbe

Anmerkungen

  1. Hettner, (Hermann) Otto (27.1.1875, Dresden – 19.4.1931, ebd.), Maler und Bildhauer

    http://d-nb.info/gnd/116779276
  2. Werk Georg Kolbes, ohne weitere Angaben

  3. Faust-Zyklus, Werk Georg Kolbes, bestehend aus 23 Farblithographien, erschienen 1902

  4. Kunstsalon Emil Richter, Dresden, gegr. 1848