Transkription

Paris am 1 Feb. 1902

Mein lieber Herr,

Sie verstehen es wohl, daß ich
Ihnen nicht eher schrieb – in
Berlin hatte ich Ihnen nichts zu
sagen, und in Brüssel war es
mir nicht möglich, eine Stunde
allein zu sein, ohne zu schlafen.
Seit 2 Tagen bin ich jetzt hier
in Paris, und es geht mir
sehr, sehr gut. Sie werden es
begreifen, wenn Sie wissen,
was Paris immer für mich
war. Hettner(1) sah ich noch nicht –

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werde aber bald hinausgehen
und Ihnen dann schreiben,
was ich sah und wie die
Arbeit war. Heute hat
mich Rodin(2) im Luxembourg
sehr gefreut, besonders „le baiser“,
mir erschien diese Gruppe von
ganz seltener Größe.

Im Louvre bummelte
ich auch umher – ich fühle
mich wirklich leicht hier.

Hoffentlich kann ich noch
einige Zeit hierblieben.

Nach Holland gehe ich nicht.

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Meine Geschichte in Brüssel
werden Sie, denke ich, sehr
bald erfahren und vielleicht
auch darüber verwundert sein [ Am 13. 2. 1902 wird GK in Brüssel die Holländerin Benjamine van der Meer de Walcheren heiraten].

Ist in Dresden etwas über
meinen Faust(3) geschrieben
worden? Höre ich bald von
Ihnen? Ich möchte gern, daß
Sie wüssten, wie oft ich an
Sie denke und wie nahe
Sie mir stehen – doch kann
ich das noch viel weniger
schreiben als früher persönlich
sagen.

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Die kommenden Jahre werden
es Ihnen aber beweisen.

Meine Anschrift ist Hotel
L’Angelterre - rue Jacob,

dieselbe Straße, in der ich früher
wohnte – Jedes Haus ist mir
hier Erinnerung. Die Stadt
kommt mir vor, als wäre
ich hier geboren, meine Freude
ist ganz kindisch.

Wenn ich mehr Ruhe haben
werde und ein warmes Zimmer,
hören Sie mehr von mir.

Bitte empfehlen Sie mich
Ihren Angehörigen und lassen Sie
sich die Hand drücken von Ihrem

Kolbe.

Anmerkungen

  1. Hettner, (Hermann) Otto (27.1.1875, Dresden – 19.4.1931, ebd.), Maler und Bildhauer

    http://d-nb.info/gnd/116779276
  2. Rodin, Auguste (12.11.1840, Paris – 17.11.1917, Meudon), Bildhauer

    http://d-nb.info/gnd/118601717
  3. Faust-Zyklus, Werk Georg Kolbes, bestehend aus 23 Farblithographien, erschienen 1902