Transkription

Lieber Kolbe! Was sollen Sie von
mir denken daß ich Ihnen nicht gleich
für die Übersendung der Derlethbüste
gedankt habe! aber ich wollte selber
nach Berlin hereinkommen, da kam
mir jeden Tag etwas anderes dazwischen.

Eben nun als ich mich hinsetzen
wollte, Ihnen zu schreiben, kommt Ihr
Brief, und nun werden Sie glauben, ich
hätte mich erst treten lassen! Aber
das wäre wirklich ungerecht, denn obwohl
ich punkto Briefschreiben ein ganz
fürchterliches Gewissen habe, diesmal

[Einfügung oberer Rand]
Was ist das nur mit Harrach(1)? Wissen Sie
übrigens seine Adresse? Ich konnte die Büste hier
nicht photographieren lassen, da Raoul(2) abgereist ist.

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hätte ich es doch nicht länger an-
stehen lassen, weil ich eine viel zu
grosse Freude an dem Kopf habe. Er
gefällt mit in Bronze noch sehr
viel besser, und wenn ich am Anfang
sagte, daß er mir vielleicht zu portrait-
haft ähnlich u. nicht genug stilisiert
erschien, so finde ich auch das jetzt nicht
mehr. ich finde ihn einfach prachtvoll
und entdecke täglich – je nach der
Beleuchtung [–] neue Schönheiten. Das
scheint mir überhaupt der ein Haupt-
reiz der Bronze zu sein, daß sie – gerade
wie das Leben – sich nie ganz offenbart,
mit immer neuen Form-Combinationen

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aus dem Schatten tritt und unerschöpf-
liche Möglichkeiten ahnen lässt. Die Patina
ist übrigens herrlich und der Stein stimmt
tadellos dazu. ich freue mich sehr, daß
Sie sie [sic!] die Büste zu Cassirer(3) geben wollen
und hoffe nun, daß Sie bei der Gelegen-
heit noch ein oder das andere Exemplar
davon verkaufen können. machen Sie
nur einen Zettel daran: einmal ver-
kauft, das macht sich immer sehr gut.

Um die Photographien wollte ich schon
Derleth(4)s wegen {selber} sehr bitten {u. werde deshalb} (soll ich Ihnen
die Büste nächsten tags schicken.
Auch werde ich eventuell Sie um einen Gyps-
abguss (bronziert) für Anna Maria(5)

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bitten, doch will ich deshalb Derleth(4) erst
schreiben. Die Rechnung von Noack(6) ist
ja unbegreiflich billig! wie angenehm!
Ich lege den Betrag mit der Bitte um
gütige Regelung gleich bei sowie meine
Schuld an Sie selber. Es ist Ihnen doch
auch so angenehm, daß ich die Summe
auf einmal zahle? ich freute mich
jedenfalls sehr, als unser Geldmensch
mir die dafür nöthige „Schiebung“ aus-
findig machte. – die restierenden 15 M.
bleibe ich der Einfachheit halber bis zum
nächsten Wiedersehen schuldig. – und nun
nehmen Sie noch einmal warmen Dank
für die große Freude, die sie mir mit der Büste
gemacht haben u. empfehlen Sie mich Ihrer
verehrten Frau Gemahlin. ich komme bald mal
heran.

In Treue stets Ihr Gustav Richter

Anmerkungen

  1. Harrach, Hans Albrecht Graf von Harrach (11.2.1873, Florenz – 22.10.1963, Hohenried), Bildhauer

    http://d-nb.info/gnd/116484314
  2. Richter, Raoul (16.1.1871, Berlin – 14.5.1912, Wannsee), Philosoph, Professor in Leipzig (Sohn von Gustav Richter, Ehemann von Lina Richter und Vater von Eveline Richter), Bruder Gustav Giacomo Richters

    http://d-nb.info/gnd/116512857
  3. Cassirer, Paul (21.2.1871 Görlitz – 7.1.1926, Berlin), Galerist, Verleger

    http://d-nb.info/gnd/118870645
  4. Derleth, Ludwig (3.11.1870, Gerolzhofen – 13. 1. 1948, San Pietro di Stabio, Schweiz), Lehrer, Schriftsteller, Mitglied des „George-Kreis“

    http://d-nb.info/gnd/18711420X
  5. Person im Umfeld Gustav Giacomo Richters

  6. Bildgießerei Hermann Noack, Berlin, gegründet 1897

    http://d-nb.info/gnd/2130862-7