Transkription

Berlin-W. 10 25.V 19

Lieber Hermann,

gestern ist Deine Sklavin(1) abgesandt
worden – es dauerte so viel länger
mit dem Fertigwerden, weil jetzt
so unglaublich schlecht und lang-
sam gearbeitet wird. Deine Schwester
erhielt auch ihren Kopf(2) – der ist sehr
schön rot geglüht – was bei der Figur
nicht ging, der Grösse wegen – Wir
haben keine Holzkohle, u. der Ofen ist
zu klein. Dir wird diese Patina
trotzdem recht sein, es ist eben eine
ganz andere Art – Die Zeit wird sie
schön machen – Nun freue ich mich,

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dass mein Figürchen bei Euch stehen
wird.

Dein u. Deiner Schwester Geldsendung
erhielt ich und danke vielmals –

Heute haben wir Secessionseröffnung
gehabt. Du wirst Dich wundern, dass
ich mich zum Führer hergab – aber
es musste dringend etwas Richtung
in die Vereinigung kommen, und
bis zu einem gewissen Grade reut mich
die Zeit nicht, die es mich kostet.

Von meiner neuen Figur wirst Du
gelegentlich ein Bild bekommen.

Eure Dresdner Gruppe 1919 habe ich en bloc
eingeladen.

Deinen Bruder hoffe ich morgen zu sehen,
er war andauernd unterwegs und ich
allzusehr mit Arbeit überhäuft.

Viel herzliche Grüsse von uns zu Euch

Dein Georg K.

Anmerkungen

  1. Werk Georg Kolbes, Sklavin, 1916, Bronze

  2. Werk Georg Kolbes, Mädchenkopf, 1907/10, Bronze